Über 900 Höhenmeter bis zum See

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus: Kilian steht um 8.30 Uhr freiwillig auf, denn wir haben eine lange Wanderung geplant. Besser: wir wollen sie zumindest versuchen. Denn von der Fane Alm bis zum Wilden See sind es über 800 Höhenmeter und es ist noch nicht ganz klar, ob die untrainierten Rheinebenenbewohner über 50 das schaffen. Aber dann geht alle viel leichter als gedacht.

Diesmal fahren wir um 9.45 Uhr bei 6 Grad mit dem Auto zur Fane Alm und zahlen die 8 Euro Tagesgebühr für den Parkplatz. Der Weiler wacht gerade erst auf, die Almen rüsten sich für die Gäste, die sicher kommen werden. Wir haben zunächst 400 Höhenmeter vor uns, zur Labederhütte, ein Tipp von Vermieter Manfred („da gehen wir Einheimischen hin“). Der Fahrweg führt stetig bergan, ist aber vor allem am Anfang schön abwechslungsreich mit inzwischen knallgelben Lärchen, Gesteinsformationen und Wasserfall.

Um 11.15 Uhr sind wir an der Hütte und sogar die Reiseleitung muss feststellen: Nach ein paar Tagen Training klappt das mit den Höhenmeter schon viel besser. Das Hüttenpersonal besteht aus einem freundlichen jungen Mann mit ziemlich lädierter Nase und leichtem Stottern und einer Küche, die gerade erst die Arbeit aufgenommen hat. Wir werden um Geduld gebeten, die Knödel werden frisch gemacht und das dauert an die 30 Minuten. Tatsächlich gibt es eine große Auswahl unterschiedlicher Geschmäcker und wir nehmen vier, die wir noch nicht hatten (Steinpilz, Buchweizen, Brennessel und Zirbel).

Am Nachbartisch sitzt eine vierköpfigen Frauengruppe (Louisa sagt: auf jeden Fall ü-60) aus der Gegend um Kitzbühl, in der Region, in der der Bergdoktor gedreht wurde. Der Touristenrummel mit Bustouren und Wanderungen mit den Darstellern scheint ziemlich Hölle zu sein. Der Hüttenmitarbeiter berichtet im Gegenzug angegruselt von Touristenmassen vor der Regulierung auf der Fane Alm, manche sind direkt im Brautkleid angereist. Ganz schlimm scheint es auch am Pragser Wildsee zu sein, witzigerweise der Ort, an dem „unser“ Gymnasium immer die Skifreizeiten wohnen lässt. Kilian erklärt, dass zumindest bei seinem Skikurs vor der Jahren alles ruhig war. Die Knödel in Suppe sind natürlich sagenhaft, der Kaiserschmarrn – den sich der Nachwuchs teilt – ebenso. Noch ein letzter Blick auf Schweine, Esel, zottelige Kälbchen und den lauten Hahn und wir versuchen unser Glück.

Der Weg führt stetig leicht bergan, am Wegesrand blühen Silberdisteln und Schusternagel (sieht aus wie kleine Enzian). Kilian gibt regelmäßig durch, wie viele Höhenmeter wir schon hinter uns gelassen haben („nur noch 250, nur noch 100 ..“) und so geht das gut voran. Die Frauengruppe überholt uns bald, aber die wohnen schließlich auch am Berg. Von unten sieht der Weg entlang der Bergwiesen deutlich anspruchsvoller aus, als er tatsächlich ist. An den drei ausgestellten Ecken mit Drahtseil bilden Gerald und Kilian die zusätzliche Sicherung und dann sind wir tatsächlich um 14 Uhr am Wilden See, der strahlend blau auf etwa 2500 Metern Höhe liegt.

Zuvor hatte es heftige Diskussionen über den Rückweg gegeben, schließlich wurde auf Schildern für Weg 9 ausdrücklich Trittsicherheit etc angemahnt. Aber der Wanderführer ist überzeugt, dass das alle hinbekommen und so sind wir wieder unterwegs. Der Wind pfeift bei etwa 10 Grad sehr frisch. Es geht an weiteren kleinen Seen vorbei – und dann stehen wir auf einem Grad und halten den Atem an. Was für eine Sicht! Einfach nur wunderschön!

Nachdem wir uns satt gesehen und alles ausführlich fotografiert haben, geht es an den Abstieg über den Rotensteiner Höhenweg. Über 800 Höhenmeter wollen wieder bergab gegangen sein. Aber wir stellen fest: Das geht überraschend gut. Die Sicht bleibt sagenhaft und der Wind ist erstmal weg. So geht es steil bergab, irgendwann schmerzen die Oberschenkel, aber gegen 17.15 Uhr sind wir wieder an der Fane Alm und ziemlich glücklich.

Am Abend gibt es eine Nudelsoße aus Kühlschrankresten, heiße Duschen und viel mehr geht tatsächlich nicht mehr.