Im rauen Westen

Sonntag, 5. Juli 2026

In den Schrankbetten unserer „Villa“ schlafen wir wunderbar, nicht einmal der Hahn kann uns wecken. Heute haben wir eine lange Fahrt vor uns: An die Westküste zum Pacific-Rim-Nationalpark. Insgesamt werden wir am Abend gut 236 Kilometer Fahrt zurückgelegt und über drei Stunden im Auto verbracht haben. Zunächst sehen wir am Fahrbahnrand aber wieder die kleinen Rehe.

Immer durch den Wald, manchmal vorbei an Seen und stets mit Blick auf hohe Berggipfel geht es an die Küste. Im Pacific Rim Besucherzentrum werden wir von einer älteren Dame namens Mimi mit allen Informationen versorgt, die wir für einen einwöchigen Aufenthalt benötigen würden. Mimi zaubert eine Karte nach der anderen hervor, markiert, gibt Ratschläge und ist kaum zum bremsen. „… Und da sind noch die Reste eines abgestürzten Flugzeugs.“ Im Zweiten Weltkrieg hat Kanada dafür gesorgt, dass die US-Frachtschiffe zwischen Kalifornien und Alaska unbehelligt von japanischen Angriffen kreuzen konnten. Feines Lächeln, „ich weiß nicht, ob wir das gerade noch so machen würden….“ Da haben die Nachfolger von Trump dann einmal viel aufzuräumen. Und sie merkt noch deutlich wärmer an: Der Eintritt zum Nationalpark ist übrigens gerade kostenlos, das hat Mr. Carney so entschieden. Das ist der kanadische Ministerpräsident, der damit seine Landsleute schon zum zweiten Jahr in Folge davor bewahrt, südlich der Grenze Urlaub machen zu müssen,

Die Reiseleitung hat gleich mehrere Pläne, aber um die Truppe sanft zu stimmen, gibt es erstmal spätes Mittagessen. An diesem Sonntag ist das Örtchen Ucluelet erstaunlich verschlafen, schließlich steht der Nationalpark auf Platz drei der überlaufenen Parks (nach Banff und Jasper, da sind wir nächste Woche). Die Sonne strahlt, der Wind ist kühl, was aber die kälteerprobten Kanadier nicht stören dürfte. Im Cedar Grill – innen komplett mit Sägeblättern dekoriert – erinnern wir uns zum Glück daran, dass die kanadische Pizza in kleinen Dosen zu genießen ist. Louisa hält sich an eine große Gemüsesuppe, Kilian an Nudeln und dann gibt es noch zwei dick belegte Teigfladen, die unter „klein“ laufen.

Erster Stopp: der Parkplatz am Leuchtturm. Dort gibt es einen Rundweg, der zu den wohl schönsten Wegen gehört, die wir je gelaufen sind. Blick auf den dunkelblauen Pazifik, sehr grüner alter Wald, es fühlt sich geradezu mediterran an. Und ein neues Warnschild: ein Wolf wurde gesichtet, sowohl auf diesem, als auch auf dem zweiten Weg. Was aber außer einer einzelnen Deutschen niemanden zu beeindrucken scheint. Hier ist niemand mit Bärenspray unterwegs, kleine Kinder rennen herum. Egal, wie lange man aufs Meer starrt, Wale sieht man deshalb noch lange nicht. Auch wenn die hier gerade anderswo wohl scharenweise unterwegs sind, egal ob Orcas oder Buckelwale. Die Reiseleitung droht langsam an, noch so oft nach Kanada zu fahren, bis sie hier endlich welche sieht. Die Familie verweist darauf, dass man doch in Australien den Buckelwalen ganz nahe kam. Aber das war ja auch ein anderer Kontinent. Zurück am Leuchtturm gibt es keinen Kaffee („nur montags bis Freitags“), aber ein Buch, in das die Besucher Sichtungen eintragen. Kurz bevor wir da waren ein Seelöwe, am Tag zuvor ein Bärenjungs und Orcas sowieso. Uns bleiben immerhin ein Bambi und ein sehr süßes kleines hörnchenähnliches Wesen.

Und wir treffen einen Star der sozialen Medien: Wir wundern uns über einen Mann, der einen Kakadu dabei hat und diesen beharrlich filmt. Die Leuchtturm Mitarbeiterinnen verraten uns, dass es sich um „Barney The West Coast Cockatoo“ handelt, der Vogel hat seinen eigenen Instaaccount. Mit dem der Besitzer wohl sein Geld verdient.

Nächster Stopp: Der alte Zedern-Rundweg, mit einem kleinen Abstecher zum Meer, wieder mit Wolfswarnung. Wieder sehr schön, Bänke an wirklich jeder Ecke, auf denen man auf den Ozean starren kann.

Danach geht es Richtung Tofino, es ist schon 17.30 Uhr. Einen dritten Rundweg gibt es unerklärlicherweise leider nicht. Dafür steuern wir Long Beach an. Hier wird auf großen Hinweismonitoren unter anderem davor gewarnt, dass der Pazifik gerade kalt ist. Ein breiter, langer Strand mit Sanitärinfrastruktur und vielen Surfern, im Abendlicht. Hier kann man es eine Weile aushalten. Für den Rückweg übernimmt Nicole das Steuer des Mietwagens, was ja den Charme hat, dass man unterwegs für einen Fotostopp einfach Mal anhalten kann.

Abendessen gibt es Zuhause: Eier von den Hühnern unserer Vermieter. Ein kleiner Plausch mit Maria, Louisa knuddelt den knuddelbedürftigen Marco und die eifersüchtige Viola. Auf den Tisch kommt Rührei mit Kühlschrankresten und Toastbrot. Die Schnaken treiben uns leider schnell von der Terrasse ins Haus.