Englischer Niesel in der britischen Stadt

Donnerstag, 2. Juli 2026

Draußen tröpfelt es und wir werfen die Waschmaschine an, die wie ein tief quakender Frosch klingt. Gegen 11 Uhr sind wir in downtown Victoria, das lange Zeit als urbritische Stadt galt. Nun, immerhin bekommen wir für unseren Besuch englisches Wetter, zwischen 12 und 14 Grad und leichten Niesel bis richtigen Regen. Was es selbst einem hübschen Städtchen nicht leicht macht.

Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst, sagte einst der große John Lennon. Und es trifft mal wieder zu. Nach einem kurzen Blick auf das Parlament steuert die Reisegruppe (nicht ganz freiwillig) einen Kaffee-Geheimtipp der Reiseleitung an. Und es kommt, wie es kommen muss: Erst navigiert Kilian, mit dem Orientierungssinn seiner Mutter gesegnet, in die komplett falsche Richtung. Danach geht es 30 Minuten abseits der Innenstadt durch untouristische Straßen, bis wir vor dem Roasters Coffee stehen um festzustellen, dass es dort nur Kaffeebohnen und Coffee to Go gibt, aber kein Café… Was für ein glücklicher Zufall, dass sich dort nebenan ein echter Geheimtipp befindet, Sallys Buns, ein kleines chinesisch geführtes Café mit Buns, gefüllten salzigen Brötchen, und leckerem, sehr günstigen Kaffee. Wir verweilen länger.

Danach steuern wir mit einem Abstecher in die St. Andrews Cathedral den Stadtteil Chinatown an. Diese ist die älteste ihrer Art in Kanada und deutlich kleiner, als erwartet. Deutlich kleiner als erwartet ist übrigens auch die Anzahl der Obdachlosen und Drogenabhängigen, denen wir auf dem Weg begegnen. Der Buchladen Munros, in einem über 100 Jahre alten Gebäude untergebracht, ist natürlich ein Pflichtstopp, zumindest für eine von dreien. Danach lugen wir in das Foyer des Fairmont Express Hotel, einer der Nobelherbergen, die damals für die Canadian Pacific Railway errichtet wurden. Draußen fährt ein Cybertruck vorbei, den wir später an einem anderen Nobelhotel wiedersehen.

Der Regen wird stärker, aber im Royal British Columbia Museum ist ausgerechnet die Abteilung, die uns am meisten interessiert hätte – indigene Kunst etc – gerade im Umbau. Also laufen wir mit Schirm und Kapuze zur Hausbootsiedlung Fishermans Warf. Im prasselnden Regen finden wir Zuflucht bei einem Fish’n’Chips, wo es neben dem üblichen Angebot auch gegrillte Austern gibt. Das entschädigt erstmal für das Wetter. Die Eltern würden ja ein Wassertaxi nehmen, aber der Nachwuchs will laufen …

Nun denn. Quer durch ein historisches Wohngebiet führt der Weg zum Teetassenbaum, der einst als Erinnerung an die Oma eines Anwohners eingerichtet wurde und jetzt eine feste Institution ist. Unterwegs ruft uns eine ältere Dame, die im Rollator sitzend unter einem Baum raucht, fröhlich zu: Habt noch einen wunderschönen Abend, ihr Lieben. Und in einem Park strahlt uns ein – mutmaßlicher – Parkbewohner an: Konnten wir diesen Regen nicht alle gebrauchen, es war doch viel zu heiß! Weniger freundlich ist eine Krähenmutter, die direkt einen Angriff auf Gerald und Kilian fliegt. Anderswo stand tatsächlich ein Warnschild, dass man auf solche Tierflüge achten sollte.

Der Regen geht weiter und wir auch, zum heute sehr grünen Beacon Hill Park samt seiner Mooslady. Um 18 Uhr und 17 Kilometer später sind wir etwas durchgefroren im Parkhaus. Doch auf dem Heimweg geht es noch zu einem Internet-Tipp: Der Market Garden, ein zauberhaft eingerichteter Laden mit hochwertigen Speisen für alle die, die es sich leisten können. Wir erstehen ein paar Kleinigkeiten, danach wird in der Ferienwohnung gekocht. Und ein kleines bisschen die Heizung aufgedreht. Zuvor sehen wir beim Abbiegen in das Viertel noch ein Schild: Bär gesichtet.