Das Ludwigshafen von Kanada

Freitag, 17. Juli 2026

Ein Wecker war gestellt, ist aber garnicht nötig: Der Gärtner ist da und mäht und trimmt den kleinen Innenbereich, in dem viele angekettete Grills stehen. Dort darf auf keinen Fall Müll gelagert werden, sonst kommt der Bär, heißt es auf Ausdrucken mit Beweisfotos.

Um 9.30 Uhr sind wir unterwegs gen Calgary. Für die Strecke benötigt man tatsächlich nur eine Stunde 15 Minuten, wir hätten also – rein theoretisch – auch direkt zum Flughafen fahren und fliegen können. Allerdings ist noch ein Tag in der Stadt eingeplant, die sich, so der Reiseführer, doch längst von einer Kuh-Stadt (Rodeo und so) zu einer coolen Location entwickelt hat. Oder besser: Entwickelt haben soll. Jetzt muss man sagen, dass es nach den Rocky Mountains jede Landschaft schwer hat, vor allem eine flache Ebene, auf die die Sonne knallt. Und Vancouver/Montreal/Quebec/Halifax haben die Latte auch wirklich hoch gelegt …

Da wir weit vor dem Check-In-Termin am Hotel sind, laden wir nur die Koffer aus und peilen danach ein Café an. Dafür müssen wir weit fahren, denn das Best Western liegt außerhalb und was wie ein Park aussah, ist ein riesengroßer Friedhof für die vielen Glaubensgemeinschaften hier. Schon fällt auf: Der Verkehr ist der Wahnsinn, es gibt auch innerstädtisch vier, bzw achtspurige Straßen, aber die Gegend rund um das ausgewählte Café nahe des Bow River sieht grün aus. Die Bäckerei Alforno ist lecker und zurecht gut besucht. Danach gehen wir am Ufer des Bow River entlang, gegenüber ist eine kleine Insel, die wegen der Vorbereitungen auf ein Event gerade kaum zu betreten ist. Alles sehr grün, viele Sitzgelegenheiten, zahlreiche Jogger. Der Weg führt uns durch Chinatown – hier sehr groß und im echten Leben, dafür weniger pittoresk – und wieder zurück, vorbei an einem Latino-Festival und kühlen Dunstwolken, die bei der Hitze erfrischen sollen.

Danach geht es zu Crumbl, das ist eine Cookie-Bäckerei-Kette aus Kanada. Louisa hat versprochen, frische Kekse mit nach Deutschland zu bringen und das ist ganz ganz dringend … Bis zum Gewerbegebiet am anderen Ende der Stadt fahren wir viele Kilometer auf sehr breiten Straßen. Bei Crumbl steht dann tatsächlich eine Schlange an jungen Frauen an. Und endlich ist es geschafft und vier Cookies warten darauf, erst gekühlt zu werden und danach im Handgepäck bugsiert zu werden.

Zurück zum Hotel, Päuschen, um 15 Uhr fahren wir gen Flughafen. Es beginnt eine … durchwachsene Phase des Tages. Wir geraten erst in dicken Berufsverkehr, danach müssen wir nach vielen Jahren zum ersten Mal einen Schaden bezahlen, einen Riss in der Windschutzscheibe. Zu dem Thema hat vor allem der junge Erwachsene ganz viel Meinung. Zähneknirschend zahlen wir und müssen jetzt darauf setzen, dass die deutsche Mietwagenfirma den Betrag erstattet.

Irgendwann ist das unschöne Kapitel beendet. Kilian bucht über den Dienst Lyft einen Wagen und wir haben zum ersten Mal eine Fahrerin! Elene hat in ihrem Taxi gesunde Snacks gebunkert, ist ausgesprochen gepflegt und liebt ihre zweite Heimatstadt Calgary mit Leib und Seele. Die Eltern der gebürtigen Äthiopierin kommen ihre Tochter zwar gerne besuchen, wollen aber nicht hierher ziehen: Zu kalt und außerdem wollen sie lieber zu Orten laufen, als mit dem Auto fahren. Tztztz. Sie lacht: Als sie vor 25 Jahren hier ankam, stand noch keines der Hochhäuser, die jetzt den Aussichtsturm bei weitem übertragen. Sie setzt uns am Calgary-Tower ab und wir fahren nach oben. Der Blick bestätigt das Bild, das wir unten schon von der Stadt hatten: Viel Hochhaus, viel Straße, kein Meer, nur ein sehr schmaler Fluss, viel Ebene, in der Ferne verstecken sich die Rocky Mountains heute unter den Wolken. Der Glasboden ist natürlich faszinierend, ebenso, dass auf dem Turm weiterhin bei allen Olympischen Spielen eine große Fackel brennt.

Wir gehen durch die Stephen Avenue, mit schicken Restaurants, historischen Gebäuden, aber auch viel Elend. Die Polizei patroulliert. Es gibt einen kleinen Imbiss von Mc Donalds, den wir einige Straßen weiter verzehren, gegenüber der Börse. Dann machen wir uns auf einen weiten Fußweg – eine Idee, auf die wohl nur Europäer kommen können – Richtung Stadtteil Bridgeland. Kilian und Gerald können Calgary so überhaupt gar nichts abgewinnen, Louisa versucht es wie ihre Mutter mit einem sonnigeren Blick: Es gibt doch schöne Ecken hier, eigentlich ein bisschen wie Ludwigshafen. Das ist sehr treffend.

Nachdem wir den Bow River überquert und die Innenstadt hinter uns gelassen haben, sind wir in Bridgeland gelandet, einer komplett anderen Welt. Ein großer, sehr aufgeräumter Park mit Spielgeräten und (zumindest auf den ersten Blick) ohne Drogenabhängige. Straßenzügen mit kleinen Restaurants. Wir setzen uns leicht ermattet vor den Bridgeland Market und beobachten wohlhabende Paare, die zu dem hochpreisigen Laden spazieren, dort einkaufen und dort ihre stets gut gekämmten Hunde vor der Tür anbinden.

Abendessen gibt es im japanischen Ikusa. Die Ventilatoren wehen uns fast weg, die kleinen Speisen sind sehr authentisch, der Laden knallvoll. Draußen sitzen wir noch kurz in der Abendwärme auf einem kleinen Platz mit Tischkicker, Tischen und Stühlen. Wäre unser Hotel in diesem Stadtteil, hätten wir sicher eine andere Meinung von Calgary. Aber so fährt uns Fahrer Adam wieder Richtung Friedhof. Auch Adam ist ein begeisterter Bewohner der Stadt, hatte erst in Großbritannien gelebt, war in Frankreich und den Niederlanden, dann hatte es ihn nach Toronto verschlagen, dort hat er geheiratet. Aber warum jetzt Calgary??? Er strahlt: In Toronto war es eher düster und drückend, hier scheint viel mehr die Sonne, auch im Winter blauer Himmel, das ist nicht so depremierend.

Dann lassen wir das Mal so stehen. Aus unserem Hotelzimmer sehen wir den Himmel übrigens nicht: Wir schauen auf eine Wand. Dafür geht das Zimmer nicht zur vielspurigen Straße.