Und wir mittendrin

Donnerstag, 16. Juli 2026

Der Wecker geht um 7 Uhr, frühes Frühstück, schnell duschen, um 8.45 Uhr fahren wir nach Banff. Die beiden ganz großen Sehenswürdigkeiten der Region, Lake Louise und Lake Morain, stehen auf dem Programm. Dabei wissen wir schon vorher, worauf wir uns einlassen: Menschenmassen. Die Nachfrage nach den beiden Seen ist in den vergangenen Jahren so groß geworden, dass zu dem einen gar keine Privatfahrzeuge mehr fahren dürfen, am anderen werden 75 Prozent der Privatautos abgewiesen. Das teilen die Nationalparks auch so auf ihrer Website mit. Man kann mit Shuttles hinfahren, die im März freigeschalten wurden und nach einem Tag ausgebucht waren. Im Mai wurden dann die Busse des öffentlichen Nahverkehrs für die Busse freigegeben – und waren nach einer Stunde (!) ausgebucht.

Die Reiseleitung hat lange gestöbert und dann kurzfristig bei einem Anbieter noch ein – nennen wir es – einigermaßen angemessenes Angebot gefunden. Allerdings sollte die Tour satte sechs Stunden dauern, mit Fotostopps an anderen Stellen. Dabei war sie aber immernoch günstiger und kürzer als andere.

9.45 Uhr soll es am Bahnhof losgehen. Diesmal haben wir sogar einen Parkplatz gefunden und staunen über den sauberen, gewärmten, aufgeräumten Bahnhofssaal mit Café und ordentlichen Toiletten. Etwas Verwirrung gibt es kurzzeitig darum, in welchen der vielen Busse wir steigen sollen. Kilian taucht tief in die Bestätigungsmail ein und findet „Banff Express“, der Inder von Bus 1 freut sich, dass er doch nicht Nicole und Familie an einem Hotel abholen muss – bis der Inder von Bus 2 vor uns steht und mitnimmt.

Der junge Mann ist freundlich und schweigsam, spricht während der gesamten Fahrt kein Wort und Fotostopps sind auch nicht. Dafür brausen wir durch zum Lake Louise (45 Minuten Fahrt) und haben dort eine Stunde Aufenthalt – was natürlich viel zu wenig ist. Schon bei der Einfahrt in das Gebiet blinkt es, überall stehen Schilder. Der eine Parkplatz ist voll, der andere sowieso gesperrt und die Shuttles für heute sind auch ausgebucht. Der See ist nur ein paar hundert Meter vom Parkplatz entfernt, Hat man erst einmal die Wand an Mit-Touristen überwunden – an dieser Stelle keine Kritik, wir sind ja Teil des Wahnsinns – sieht man einen zauberhaft türkis glitzernden See, auf dem rote Kanus unterwegs sind, dahinter hohe Bergwände. Daneben eines dieser Pacific-Railway-Luxushotels, nur an eine Besichtigung ist hier nicht nur aus Zeitknappheit nicht zu denken. Betreten verboten.

Wir laufen ein Stück am Ufer entlang, picknicken im Stehen und haben viel zu schauen. Eine indische Gruppe pumpt gerade ein eigenes Kanu auf, ein Teenager versucht sich hinter einem Handtuch zum Schwimmen umzuziehen, auf einer Bank wird ein Nickerchen gehalten … Hier sind alle Nationen versammelt und alle eint ein Ziel: Ein schönes Foto zu bekommen.

Die Zeit vergeht natürlich viel zu schnell und schon sind wir wieder 45 Minuten unterwegs zum Lake Moraine. Der Fahrer mahnt noch kurz: Unbedingt zum Rockpile Trail, also einen kleinen Hügel hoch, wegen der Sicht. Machen wir natürlich. Und nicht nur wir. Die Massen sind unterwegs zum beliebtesten Aussichtspunkt Kanadas, wie es irgendwo im Netz heißt. Und auch wenn es unregelmäßige Steintreppen sind quälen sich Menschen mit Krücken hoch und kleine Kinder stolpern vor sich hin. Wobei man eigentlich kaum fallen kann, da steht ja überall jemand.

Der See hat selbstverständlich ein so wunderschönes Blau, dass man das alles erstmal gut ausblenden kann. Wir genießen den Blick, dann zieht es drei auf die Toiletten und einen zum Café. Die Kloschlange ist beachtlich und der Gestank in den Kabinen nahezu unerträglich. Kilian steht eine halbe Stunde für Eiskaffee, Kaffee, Chai Latte und eine Hotdog an, Louisa hält die Stellung mit Rucksäcken, Gerald und Nicole huschen für fünf Minuten zum Seeufer – und schon ist die Stunde wieder um.

Zurück geht die Fahrt, vorbei an einem liegengebliebenen Bus eines anderen Anbieters. Und wir sind schon nach gut vier Stunden zurück, worüber wir überhaupt nicht böse sind. (Kein Vergleich zur Tour auf Fraser Island in Australien, mit zahlreichen Stopps, einem Fahrer, der durchgeplaudert hat und wir über 12 Stunden unterwegs waren.)

Nach Banff wollen wir aber nicht mehr rein, für heute genug Menschen gesehen. Wir sind schon fast auf dem Weg zur Ferienwohnung, als Gerald an der Ampel nicht abbiegt, sondern geradeaus fährt: Kurzfristig geht es zum Mount Norquay. Während es in Banff die überfüllte Seilbahn auf den Sulphur Mountain gibt, bietet hier ein Sessellift Blicke über die Rocky Mountains. Wir wollen nur mal sehen, wie viel hier los ist und stellen fest: Quasi nichts. Also fahren wir mit dem Sessellift nach oben und genießen die Aussicht. Viel mehr geht auch nicht: An den Hängen führen die Wildtierkorridore vorbei, weswegen das Wandern nicht erlaubt ist. Die Ruhe ist dennoch herrlich, die Sicht auch.

Danach geht es in die Ferienwohnung, Kühlschrankreste essen. Wir räumen das Auto schonmal leer und packen die Koffer vor. Abends nochmal über den Boardwalk in Canmore, diesmal in ein Taco-Restaurant und im Abendlicht zurück. Morgen geht wieder früh der Wecker.