Metropole von oben

Dienstag, 30. Juni 2026

Wir gehen den Tag gemütlich an, auch wenn alle schon wieder sehr früh wach sind. Danach der schon liebgewonnene lange Spaziergang zum Hafen. Lonsdale in North Vancouver ist ein ausgesprochen schönes, grünes Wohngebiet. Wir verbringen viel Zeit damit, Vorgärten und Häuser anzusehen, schonmal Abendessen-Möglichkeiten für den Abend zu sichten und festzustellen, dass man hier gut wohnen könnte. Noch Kaffee und Gebäck in Shipyards Coffee, dann holen wir uns eine Tageskarte für den öffentlichen Nahverkehr.

Dazu gehört auch der Seabus, in dem wir noch einmal die Anfahrt nach Vancouver genießen. Am anderen Ufer die Entscheidung – Gallerie mit indigener Kunst (das wäre vor allem was für Nicole) oder doch hoch hinaus zum Vancouver Lookout? Wir investieren Geld und vor allem Zeit in den Blick von oben. Der Aussichtsturm ist 168 Meter hoch und wurde 1977 von Astronaut Neil Armstrong eröffnet. Damals war der Turm – im Brutalismus-Stil gebaut, den man heute nicht mehr so sehr schätzt – noch 30 Jahre lang das höchste Gebäude in Vancouver. Innerhalb von 40 Sekunden geht es mit dem gläsernen Aufzug nach oben.

Die Sicht ist natürlich spektakulär, vor allem, nachdem wir jetzt viele Punkte wieder erkennen. Und es fühlt sich auch ein bisschen an wie im Miniaturwunderland. Von hier oben kann man sogar die Dampfuhr erkennen, wie sie vor sich hin dampft. Wir sehen wie der Seabus einparkt, wie weit sich der größte Hafen Nordamerikas erstreckt, ein scheinbar endlos langer Güterzug einparkt … Lohnt sich.

Danach geht es zurück zum wirklich erstaunlich sauberen Bahnhof, diesmal den Skytrain (auch wenn er hier noch unter der Erde fährt). Es geht weit gen Süden, in den Stadtteil Oakridge. Dort hat vor wenigen Wochen in einer neuen Mall ein Time Out Market eröffnet, den wir schon in Lissabon und Montreal lieben gelernt haben. 20 Restaurants bieten dort ihre Speisen an, die Innenarchitektur ist ausgesprochen chic. Fast alle 1000 Plätze sind besetzt, ein wandhoher Monitor überträgt das Spiel Frankreich-Schweden, leise ist dieser Ort nicht. Die Warteschlangen vor einigen Stunden sind lang, wir setzen auf Nudeln, Trüffelpommes, japanische Pfannkuchen, chinesische Dumplings… Nicht ganz geschenkt, aber sehr lecker, wie immer. Danach bummeln wir noch durch die hoch exklusiven Ladenstraßen, fragen uns, wer hier eigentlich bei Parda shoppen geht (offensichtlich genug Menschen). Und was hier richtig auffällt: Hongcouver. Die Besucher der Mall sind zu 90 Prozent asiatischer Herkunft, wir gehören einer Minderheit an und könnten also auch in irgendeiner Metropole in Asien sein (ein Hauch Singapur, was uns natürlich sehr gut gefällt).

Weiter geht es, wieder mit dem Skytrain, zum Flughafen. Dort wartet unser Mietwagen auf uns. Wieder über Sunny Cars gebucht, was hier unter Alamo läuft. Eigentlich hatten wir wieder auf einen Pacific Chrysler gehofft. Auf die Frage, wie das mit dem Wlan im Auto ist, muss der Mitarbeiter laut lachen – Welches Wlan? Die Fahrzeuge haben doch gar keins … (Doch!). Nach einem Upgrade bekommen wir einen sehr großen Ford Explorer, einen SUV statt einen Van. Nach einer Sichtung der kleinen Schäden („solange die Stoßstange nicht abfällt, ist das kein Problem“) geht es los, bis nach North Vancouver brauchen wir fast eine Stunde.

Nach einem kleinen Päuschen geht es noch in die Natur. Die weltberühmte, teure Capilano Hängebrücke lassen wir im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und steuern die kleinere, kostenlose „Schwester“ bei uns ums Eck an. Ein wunderschöner Küstenregenwald, in dem auch am Abend noch einige Menschen unterwegs sind. Es ist auch ganz gut, dass wir nicht alleine sind … Wir treffen auf das erste Bär-Informationsschild, letzte Sichtung eines Schwarzbären am 27. Juni. Was außer uns offensichtlich niemanden beeindruckt und selbst die Allein-Wanderer haben kein Bärenspray dabei. Weitere Schilder zeigen aber, dass die wahre Gefahr sowieso eher in der menschlichen Dummheit liegt: 37 Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten in dieser kleinen Schlucht gestorben, größtenteils, weil sie dachten, von den Klippen in den Fluss springen zu müssen … Wir gehen über die Hängebrücke und dann durch einen kleinen Rundweg durch den Wald. Abgesehen von diesem kleinen Kribbeln wunderschön. Ein bisschen wie der Regenwald in Queensland, nur anders. Dort hatte es dafür ja Schlangen und Spinnen – irgendwas ist offensichtlich immer.

Abendessen zum Abschluss ist im Eivan, einem persischen Restaurant, das Gerald und Kilian am Morgen entdeckt hatten. Ein großer, stilvoller Raum, in dem iranische Familien ihre Babys feiern und gemeinsamen Speisen. Die Safrangetränke, der Rosentee und vor allem der vegetarische Eintopf (Granatapfel, Walnuss, Auberginen) bieten Geschmacksexplosionen. Da kann auch die kleine Irritation um die Kreditkarte den Abend nicht trüben. Und morgen geht es weiter nach Vancouver Island.