Ein paar Zeitzonen weiter

Samstag, 27. Juni 2026

Der Tag vor dem Abflug ist verflogen. Noch etwas arbeiten. Dann ist spontan eine intensive Behördenkommunikation notwendig und das am Freitagnachmittag. Der eine Teenager benötigt am Nachmittag kurzfristig ein paar neue Schuhe, der andere kann die eine essentielle Hose für den Flug nicht finden. Danach verschwindet er mit den Kumpels zu einem Horrorfilm ins Kino und packt danach fertig. Turbel bis zur letzten Minute, also alles wie immer. Dazu hat es draußen 39 Grad, die Nacht ist tropisch und deshalb nicht nur kurz, weil der Wecker um 5 Uhr ging.

Kurz nach 6 Uhr sind wir unterwegs, kurz nach 7 Uhr biegen wir am Parkhaus vom Terminal 3 ein und zuckeln mit dem neuen Shuttle – der sich so garnicht neu anfühlt, sondern ziemlich ruckelt – zum Terminal 1. Nochmal zum Schalter zum Boarding Pass holen, weil die Website von Aircanada gezickt hat, und dann haben wir noch zwei Stunden Zeit bis zum Flug. Wie gut, dass Aircanada ein ganz eigenes Unterhaltungsprogramm bietet … Erste Durchsage: Der Flug ist ziemlich voll, deshalb bitte Handgepäck wenn möglich auch noch abgeben. Pause. Nächste Durchsage, auf Englisch: Der Flug nach Vancouver ist gestrichen. Nur dieser Satz, mehr nicht. Alle schauen sich verwirrt um, Hektik bricht aber keine aus. Pause. Dritte Durchsage. Der Flug nach Vancouver ist überbucht. Es kommen nicht alle mit. Wer also zeitlich flexibel ist, möge sich melden und mit Entschädigung später fliegen. Und, äh, ups, die Durchsage vorhin war natürlich falsch, der Flug findet statt. Und schon sind die zwei Stunden um.

Auch die zehn Stunden Flug vergehen einigermaßen schnell. Das beste Filmprogramm, das wir je an Bord hatten. Nicole kann die oscar-nominierte Dokumentation „Come see me in the good light“ sehen, die es in Deutschland nie ins Kino schaffen wird. Gerald und Kilian können auf ihren Monitoren zusammen Schach spielen. Louisa, also die-die-sonst-nie-müde-ist, schläft stundenlang. Durchgehend abgedunkelte Fenster, einigermaßen schmackhaftes Essen. Zwischendurch schöne Ausblicke auf Grönland. Obwohl ständig vor Turbulenzen gewarnt wird, gleiten wir ziemlich ruhig dahin.

Der Flughafen von Vancouver ist luftig gebaut mit viel Glas und Holz, indigene Holzskulpturen und kleine Aquarien dazu. In einer Ecke steht ein Klavier und wird auch genutzt. Sehr schön. Bei der Einreise ist ziemlich viel los, bis wir durch sind, kreisen schon unsere Koffer. FIFA ist schon überall, das Flughafenpersonal trägt entsprechende Schals, die Monitore blinken in den entsprechenden Farben. Ein ausgesprochen schweigsamer Inder bringt uns zum airbnb. Da wegen der WM in der Innenstadt nichts mehr zu finden war, ist unsere Ferienwohnung in Nord Vancouver – was in echt deutlich weiter weg von allem ist, als es auf der Karte gewirkt hatte. Die Fahrt dauert eine knappe Stunde, das Wohngebiet ist schön grün, hübsche Holzhäuschen, sehr entspannt. Um 13 Uhr – deutsche Zeit 22 Uhr – sind wir in unserem airbnb im Souterrain eines Familienhauses und brauchen erstmal dringend ein Nickerchen.

Kurz vor 15 Uhr sind wir wieder unterwegs und machen Strecke. Lonsdale liegt am Hang und ist sehr weitläufig. Ein äußerst gepflegter Flecken Vancouver. Die Restaurants an den Straßen sind sehr arabisch geprägt und natürlich läuft überall gerade die WM. Es wurde entlang des Weges auch wieder Holzbänke und Schirme aufgestellt, die ausdrücklich dazu einladen, dass man sich niederlässt und Zeit verbringt. Ziel ist „Kims Cafe“, von der Reiseleitung vorab ausgewählt. Ein sehr kleiner Laden mit einer sehr motivierten Besitzerin, vermutlich Koreanerin. Zumindest gibt es leckere koreanische Speisen (Kilian und Nicole) und frische Sandwiches (Gerald und Louisa), dazu witzigerweise Limo von San Pellegrino, die wir daheim auch immer holen. Danach geht es weiter bergab Richtung Wasser. Irgendwie will niemand auf das Festival „Verkehrsfreie Straße“ gehen, auch wenn dort schon die Musik spielt. Seltsam.

Der Hafenbereich ist rausgeputzt und gut besucht, der Blick geht teilweise nach Downtown Vancouver und vor allem auf den wenig idyllischen riesigen Containerhafen. Wir verschaffen uns einen Überblick über die Foodhall und brauchen eine Weile, um den Ticketerwerb für die Fähre zu verstehen. Für insgesamt 11 Dollar, das sind etwa sieben Euro, kreuzen wir auf die andere Seite. Der Seabus ist eine sehr pragmatische Geschichte für Pendler, also kein Schnickschnack wie Außenbereich für die touristische Sicht. Schließlich stehen wir in Gastown, das ist der Bereich, der einer Altstadt am nähesten kommt. Aber der Jetlag fällt uns langsam auf den Kopf.

Zwischen den Hochhäusern sind die Straßenzüge an einem warmen Samstagmittag eher verlassen (wie in London im Bankenviertel), bloß die Obdachlosen sind noch da. Es gibt das übliche Energiegefälle in der Reisegruppe: Nicole schnuppert weite Welt und will erkunden, die anderen drei wollen nur ins Bett. Für uns ist ja schon mitten in der Nacht. Ein Fancorso der Kroaten zieht vorbei, während ein Abschleppwagen den Fanwagen einer anderen Nation abschleppt, weil er illegal geparkt hatte. Selbst im Supermarkt läuft WM. Wir kaufen im IGA noch Frühstück ein, laufen wenigstens am WM-Stadion vorbei – verlassen, weil das nächste Spiel erst am Donnerstag angesteht – und rufen ein Uber.

Der weiße Tesla Model Y gleitet sanft durch die Straßen, darunter auch durch den berüchtigten Osten, Hastings. Dort gleichen die Straßenzüge einem Kriegsgebiet, verlassene Häuser, Menschen wohnen in Zelten auf der Straßen, Drogenabhängige liegen auf dem Boden. Kein ungewöhnliches Stadtbild in Nordamerika übrigens, auch wenn das uns Europäer immer ziemlich verstört. Das Gebiet galt schon in den 1980ern als Problemzone mit der höchsten HIV-Rate in der westlichen Welt und irgendwie hat sich seitdem wenig getan, auch wenn ein ganzer Schwarm Sozialarbeiter angestellt wurde. Bittere Ironie: Hastings liegt genau in der Mitte zwischen der coolen Innenstadt und dem beliebten Hastings Park, der nun einen Monat lang das Fifa-Fan-Festival beherbergt.

Um 20 Uhr schlafen alle vier tief und fest. Auch die Reiseleitung.